Zwei Menschen wählen sich. Aus der Fülle der Möglichkeiten, aus dem Zufall einer Begegnung, entscheidet sich der eine für den anderen. In dieser Wahl liegt ein stilles Versprechen: im anderen etwas zu finden, das einen ergänzt, vervollständigt, heil macht. An genau diesem Punkt setzt meine Arbeit als Paartherapeut an. Denn das Versprechen ist echt, und doch lässt es sich nie ganz einlösen. Was Paare zu mir führt, ist oft die Erschütterung darüber.
Warum wir uns gerade in diesen Menschen verlieben
Viele Paare versuchen im Erstgespräch, mir rational zu erklären, wie es zwischen ihnen kam. Meist merken sie selbst, dass die eigentlichen Gründe woanders liegen. Freud hat das früh beschrieben: Die Wahl des Partners ist nie voraussetzungslos. Wir erkennen im anderen, ohne es zu wissen, etwas wieder, ein Muster aus frühen Bindungen, eine alte Sehnsucht, eine Verletzung, die noch auf ihre Heilung wartet. Was sich wie freie Entscheidung anfühlt, trägt immer auch Wiederholung in sich.
Die englische Objektbeziehungstradition hat diesen Gedanken in die Praxis übersetzt. Henry Dicks, der an der Tavistock Clinic die moderne psychoanalytische Paartherapie mitbegründete, beschrieb, wie sich die seelischen Strukturen zweier Partner auf bewusster und unbewusster Ebene ineinander verschränken. Er sprach von einer gemeinsamen Paarpersönlichkeit, die mehr ist als die Summe zweier Einzelner. In ihr findet jeder über den anderen verlorene oder abgewehrte Anteile seiner selbst wieder. Das erklärt, warum so viele Paare wie Spiegelbilder ihrer wechselseitigen Konflikte wirken: der eine nach außen ruhig, der andere aufbrausend; der eine offen, der andere verschlossen. Diese Passung ist kein Zufall, sondern eine unbewusste Wahl.
Jacques Lacan hat dieselbe Einsicht radikaler gefasst. Es gibt keine vorgefertigte Formel, die zwei Subjekte nahtlos zusammenfügt. Jeder begehrt von seinem eigenen, unverwechselbaren Ort aus, und der Partner wird nie restlos das, was man in ihm sucht. In meiner Arbeit verstehe ich diesen Satz nicht als Resignation, sondern als Befreiung. Er nimmt den Druck von der Erwartung, dass der andere uns vollständig entsprechen müsse, und macht den Weg frei für etwas Tragfähigeres als die Fantasie der perfekten Übereinstimmung.
Das unbewusste Zusammenspiel
Der Schweizer Psychoanalytiker Jürg Willi, der erste Paartherapeut im deutschen Sprachraum, hat dafür den Begriff der Kollusion geprägt: das unbewusste Zusammenspiel zweier Partner, in dem sich die ungelösten inneren Konflikte beider zu einem gemeinsamen Muster verschränken. Was die beiden anfangs aneinander anzog, wird dann oft zum Schauplatz des immer gleichen Streits. Der eine übernimmt scheinbar die ganze Fürsorge, der andere die ganze Distanz, und beide spüren, dass sie in einer Rolle gefangen sind, die nicht ihre ganze Wahrheit ist.
Ingeborg Volger hat in ihrem Praxisleitfaden zur tiefenpsychologischen Paartherapie gezeigt, wie sich solche Muster im Alltag der Beratung konkret zeigen. Paare entwickeln ein gemeinsames unbewusstes Thema, einen geteilten blinden Fleck, um den sich ihre Konflikte organisieren. Sie geraten in zirkuläre Bewegungen, in denen jeder nur auf das reagiert, was der andere gerade tut, ohne dass sich der Anfang noch benennen ließe. Sie polarisieren sich gegenseitig, obwohl beide eigentlich beide Seiten in sich tragen. Und sie reinszenieren biografische Themen, alte familiäre Konstellationen, die in der neuen Beziehung ungewollt wiederkehren.
Sobald diese Muster Sprache finden, verlieren sie einen Teil ihrer Macht. Ein Paar, das versteht, dass der Streit über den unaufgeräumten Tisch in Wahrheit von Anerkennung und Nähe handelt, geht anders miteinander um als ein Paar, das nur die Oberfläche sieht.
Was sich in der Therapie konkret verändert
Meine Arbeit bleibt nicht bei Kommunikationstechniken stehen, so nützlich diese im Einzelfall sind. Mich interessiert, was die wiederkehrenden Konflikte tragen, denn darin liegt der Schlüssel zu wirklicher Veränderung.
Oft zeigt sich das unmittelbar in der Sitzung. Wenn ein Paar bei mir in Streit gerät, sehe ich häufig eine verkleinerte, bearbeitbare Fassung dessen, was zu Hause eskaliert. Auch das, was die beiden auf mich übertragen, ihre Erwartungen, ihre Befürchtungen, alte Beziehungsmuster, die sich auf mich als Dritten richten, gehört zum wertvollsten Material der Arbeit. Ich muss es nicht aus der Stunde heraushalten. Wir können es gemeinsam anschauen. Der therapeutische Raum wird so zu dem, was Donald Winnicott einen haltenden Rahmen nannte: einem sicheren Ort, an dem beide das aussprechen können, was sonst zu verletzlich wäre.
Daraus entsteht etwas sehr Konkretes. Die Paare, die zu mir kommen, verstehen, warum sie immer wieder an derselben Stelle aneinandergeraten. Sie erkennen den eigenen Anteil an einem Muster, das sie bislang nur dem anderen zugeschrieben haben. Sie gewinnen neuen Spielraum, weil alte Positionen nicht länger automatisch wiederholt werden müssen. Und sie lernen, die Andersartigkeit des Partners nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als das Zeichen eines eigenständigen Menschen mit einem eigenen, nie ganz zugänglichen inneren Leben.
Differenz als Grundlage, nicht als Defizit
Viele Paare kommen mit der Hoffnung zu mir, ich möge eine verlorene Übereinstimmung wiederherstellen. Meine Arbeit verfolgt ein anderes Ziel. Es geht darum, die Unterschiedlichkeit beider anzuerkennen, sie zu integrieren und kommunikativ zu bearbeiten, statt sie zum Verschwinden bringen zu wollen.
Eine Beziehung, die auf der Illusion vollständiger Verschmelzung ruht, bricht an jeder neuen Differenz erneut auf. Eine Beziehung, die die Differenz als Grundbedingung annimmt, kann an ihr wachsen. In meiner Praxis erlebe ich das immer wieder: Paare, die nach einer solchen Phase der Arbeit lebendiger, stabiler und intimer miteinander umgehen, als es die anfängliche Verliebtheit je erlaubt hätte.
Eine Einladung
Paartherapie wird oft erst in der Krise gesucht, wenn bereits viel Verletzung geschehen ist. Ich biete sie auch früher an, als einen Ort, an dem ein Paar versteht, was es eigentlich miteinander verhandelt, bevor sich aus wiederkehrenden Konflikten feste Gräben bilden.
Wenn bestimmte Themen bei Ihnen immer wiederkehren, Gespräche an denselben Punkten festfahren oder die anfängliche Nähe einer schwer fassbaren Distanz gewichen ist, lade ich Sie ein, sich an mich zu wenden. In meiner Praxis in Berlin-Mitte schaffe ich einen Raum, der nicht urteilt, sondern verstehen hilft, und der oft genau das möglich macht, was sich ein Paar im Grunde wünscht: einander wieder wirklich zu begegnen.
Literatur
Dicks, H. V. (1967). Marital Tensions. Clinical Studies Towards a Psychological Theory of Interaction. London: Routledge & Kegan Paul.
Freud, S. (1905). Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. In Gesammelte Werke, Bd. V. Frankfurt a. M.: Fischer.
Lacan, J. (1975). Encore. Das Seminar, Buch XX. Berlin: Quadriga.
Volger, I. (2023). Tiefenpsychologische Paartherapie und -beratung. Ein Leitfaden für die Praxis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Willi, J. (1975). Die Zweierbeziehung. Reinbek: Rowohlt.
