Psychoanalyse

Die Angelegenheiten, in denen Menschen Psychoanalytiker aufsuchen, sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Vielleicht haben Sie schon einmal daran gedacht, eine Analyse zu beginnen, wünschen sich jedoch mehr Informationen zu dem, was Sie in einer psychoanalytischen Praxis erwartet? Auf dieser Seite informiere ich Interessenten über die Arbeit in der psychoanalytischen Kur.

wie funktioniert analyse?

Die Psychoanalyse erhielt ihren Namen in der Traumdeutung, Freuds legendärem Buch aus dem Jahr 1900 über die Bedeutung von Träumen. Über die psychoanalytische Erfahrung wird seither kolportiert, der Analytiker bzw. die Analytikerin deute die Träume der Analysanden. Diese Vorstellung geht bisweilen in den Glauben über, Menschen seien für Analytiker durchsichtig wie Glas. Das stimmt natürlich nicht. Zunächst gilt: Analytiker hören zu und warten darauf, ob das Unbewusste im Sprechen des Analysanten hörbar wird – zum Beispiel in Gestalt eines Wortvergessens, eines Versprechers, eines plötzlichen Einfalls, eines Irrtums, eines nervösen Hustens u.s.w. Diese Merkmale stellen nicht unmittelbar das Unbewusste dar, können jedoch auf einen unbewussten Wunsch o.ä. verweisen.

 

Hier und da tut sich an diesen Stellen etwas auf, das ein Bedürfnis nach Sinnverstehen oder Deutung aufkommen lässt. Dieses Sinnbedürfnis zu befriedigen, ist nicht unbedingt der Zweck der analytischen Arbeit. Viel eher geht es darum, in diesem Geschehen gemeinsam die Dynamik des Unbewussten erfahrbar werden zu lassen.

Über die Arbeit mit Träumen

Während es dem schlafenden Ich gleichgültig ist, was während der Nacht geträumt wird, interessiert sich das wache Ich durchaus für die Bedeutungen seiner nächtlichen Traumproduktionen. Wenn Sie den Wunsch haben, im Rahmen einer Psychoanalyse über ihre Träume zu sprechen und sich auf das Unbewusste einzulassen, empfange ich Sie gerne in meiner Praxis in Berlin-Mitte, um gemeinsam mit Ihnen zu besprechen, wie eine Arbeit mit dem Unbewussten beginnen kann, die Ihr Leben verändert.

Was HEIsst 'deuten'?

Für Freud hieß das Deuten eines Traums zunächst „seinen ‚Sinn‘ angeben, [...] ihn durch etwas ersetzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in der Verkettung unserer seelischen Aktionen einfügt“ (Freud 1900a, S. 100). Nicht von ungefähr setzte Freud im Zitat das Wort Sinn in Anführungszeichen. Denn es ist nicht gesagt, dass eine psychoanalytische Deutung zu einem befriedigenden Sinn führen muss. Vielmehr stellt sie einen Übersetzungsvorgang dar. In einer später eingefügten Stelle der Traumdeutung nennt Freud vier mögliche Arten des Deutens: Es sei im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements „zweifelhaft“, ob es als Gegensatz, als Ersatz für das Gedächtnis (Reminiszenz), symbolisch oder nach dem Wortlaut genommen werden solle.

 

Die Diskussion um die Frage der Deutung begleitet die Psychoanalyse seit ihrer Entstehung ausgehend von Freuds Beschäftigung mit der Hysterie und dem Traumphänomen. Noch in den 1920er Jahren erkannten Freud und seine Schüler, dass eine naive Handhabung der Symbolik dem Umgang mit dem Unbewussten in der Analyse nicht gerecht wird. Die Deutung nach dem Wortlaut, die Freud in der Traumdeutung als vierte Deutungsart anführt und die bereits in den Anfängen der Psychoanalyse in Studien über Hysterie (1895) zentral wurde, erfuhr eine intensive theoretische und praktische Ausarbeitung in der linguistisch orientierten Schulbildung der Psychoanalyse.

 

Zugespitzt vertrat Jacques-Alain Miller (1995) die These, die Deutung sei tot, da nur das Unbewusste deute – und nicht der Analytiker. Auch Bruce Fink (2010) argumentiert gegen die Deutung, sofern das Ziel in der analytischen Kur nicht die Beherrschung des Unbewussten durch Bedeutungszuschreibungen sei, sondern die Veränderung als Wirkungserfolg des aufmerksamen Zuhörens durch den Analytiker und des freien Sprechens des Analysanten. Franz Kaltenbeck nennt derweil fünf Gründe, die eine Deutung durch den Analytiker als bisweilen ratsam erscheinen lassen: Die Undurchsichtigkeit des Symptoms, das Genießen der Kastration, die Täuschung des Unbewussten, der Einwand gegen den Diskurs der Meisterschaft und die Nichtkommunikation von lalangue – nachzulesen in seinem Buch Lesen mit Lacan (2013).

 

Die Suche nach der Wahrheit

Die Frage, wer oder was in der Psychoanalyse deutet,  betrifft im Kern jene andere Frage nach dem Wissen, welches im Traum, in der Fehlhandlung, im Symptom bzw. im Sprechen eines Individuums enthalten ist. Die analytische Praxis nimmt sich vor, sich bei der Betrachtung dieser Ausdrucksweisen von dem Signifikathörenwollen zu lösen; sie avisiert ein Verständnis für die Umwandlungen, die teils über lange und verschlungene Wege zu dem jeweiligen Ausdruck geführt haben. Die psychoanalytische Kur zielt insofern auf ein Prozessverstehen unbewusster Sinnentstellungen ab. Dazu fokussiert sie u.a. die Rolle des Anderen für das Subjekt, da der Mensch aufgrund der Vorzeitigkeit seiner Geburt für die Genese seiner Psyche von Anbeginn auf die Hilfe des Nebenmenschen angewiesen ist. Mit der Geburt ersetzt die Kultur die zum Überleben unzureichende Naturausstattung des Menschen mit weitreichenden Folgen für dessen Fortentwicklung. Freuds Triebbegriff reflektiert diesen Zustand auf der Schwelle von Natur und Kultur, Soma und Psyche. Mit Blick auf die Frage der Deutung vermied Freud eine Ontologisierung der Triebe, weil er erkannte, dass man Triebwahrnehmungen nur in ihren Repräsentationen erhält.

 

Welche Rolle spielen Triebe?

Triebe haben etwas mit dem psychischen Realen zu tun, sofern der Mensch vom Trieb nicht ‘Pause machen’ kann. Freud sprach diesbezüglich von der Arbeitsanforderung des Körpers an die Seele. Dieser zentrale Punkt wird bei den Bestrebungen in der Schulpsychologie einer Stärkung des Ichs in Richtung auf Autonomie ausgeblendet. Für die Psychoanalyse und ihre Deutungsverfahren blieb es demgegenüber wichtig zu verstehen, inwiefern Triebe etwa die gewohnten Bezeichnungen und Repräsentationen außer Kraft setzen können und auf diese Weise sinnentstellend wirken. In der analytischen Kur geht es daher auch darum, mit der Materialität der Repräsentationen zu arbeiten, zu spielen oder auch zu rechnen – um neue Zuordnungen herzustellen. In dieser Sichtweise ist das psychoanalytische Verfahren kein hermeneutisches. Vielmehr schärft es den Sinn für die Schicksale der Triebe und für ihr Hineinwirken in die zwischenmenschlichen Beziehungen und in die Artefakte, die der Mensch herstellt.

was meint übertragung?

Zu den psychoanalytischen 'Techniken' gehört neben der freien Assoziation, der Wiederholung, der Arbeit mit dem Widerstand und der Frage nach dem Begehren vor allem die Beachtung der Übertragung. Sie entfalten sich besonders gut im analytischen Setting, d.h. auf der Couch, da hier der allgemeinen Tendenz des Menschen, den anderen nach seiner Vorstellung zu modellieren, kaum etwas hinzu- oder entgegensetzt wird. Das schafft die Voraussetzung für eine freie Entfaltung des Sprechens und Mitteilens.

 

Beispielsweise lässt sich die Übertragung als Herausforderung der symbolischen Ordnung verstehen, insoweit ihr verführerisches Moment bestehende Rollenzuschreibungen anzugreifen versucht. Mit der Übertragung werden festgefügte Vorstellungen vom anderen und vom Verhältnis zu Recht und Ordnung, Werten und Normen, Sitten und Vorschriften übertragen. Solange es nicht zum Austausch im Gespräch kommt, ist dies zunächst ein imaginärer Vorgang. Beispielsweise kann ein Lehrer in einem Schüler ein förderungswürdiges Kind sehen, während das Kind diese Phantasie nicht teilt und den symbolischen Platz, auf den es der Lehrer setzt, nicht annehmen kann. So beschließt das Reale eine verfehlte Begegnung.


 

Das Reale müssen wir jenseits des Traums suchen, formuliert Lacan: “Wir haben es in dem zu suchen, was der Traum verschleiert, verhüllt, uns verborgen hat, in jenem Daneben der Vorstellung, die wir nur aus der Funktion der Vertretung kennen. Eben da ist das Reale, das mehr als alles andere unsere Aktivitäten regiert. Zu ihm weist uns die Psychoanalyse den Weg.” (Lacan 1964, 66)

wie wichtig sind sprache und sprechen?

Die Bedeutung der Sprache ergibt sich für die Psychoanalyse daraus, dass sich das Sprechen an einen Anderen richtet und über das Gesagte hinaus immer ein Zuviel und ein Zuwenig mitteilt. Denken ist sprachlich verfasst, heißt es bei Freud. Ungeachtet der technischen Durchdringung unserer Zeit beansprucht nicht die Technik, sondern der zwischenmenschliche sprachliche Austausch die Schlüsselrolle für den Erfolg Einzelner oder Gruppen. 

Ödipus, der das Rätsel der Menschheit zu lösen imstande war, erweist sich mit Blick auf sich selbst als ein vergeblich Wissender.
Ödipus, der das Rätsel der Menschheit zu lösen imstande war, erweist sich mit Blick auf sich selbst als ein vergeblich Wissender. Bild: Gustave Moreau, Oedipus, 1864

Ödipus-Konflikt

Im antike Mythos um König Ödipus erkannte Sigmund Freud eine grundlegende Konfliktstruktur des Menschseins. Ödipus hat den Mord an seinem Vater sowie das mütterlich Inzestuöse seiner Partnerwahl »sehend nicht gesehen«. Unschuldig schuldig geworden begibt er sich auf die Suche nach den Gründen seines Schicksals und ist dabei ganz auf sich selbst zurückgeworfen: Er ist die Antwort auf alle seine Fragen. Sein hart errungenes Selbstwissen kann ihm nicht nutzen, denn es führt stets zu ihm selbst zurück und trennt ihn dadurch von der Gemeinschaft, weshalb er seine Macht und die Anerkennung durch die anderen verliert. Dessen ungeachtet gelangt er nur mit Hilfe anderer zur Aufklärung seines Schicksals: Er befragt Zeugen, spricht mit dem Seher Teiresias und setzt nach und nach die Puzzle-Teile seiner Lebensgeschichte zusammen. 

 

Auch Freud war es gegeben, elementare Rätsel der Menschheit aufzuklären: Er fand eine kohärente Theorie zur Deutung von Träumen, an der sich die Menschheit über Jahrtausende hinweg versucht hatte. Er löste das Rätsel der Hysterie, indem er das traditionelle Bild vom Arzt, der kraft seines Fachwissens heilt, verabschiedete und das Objekt der Untersuchung, den Patienten, zur Quelle der Einsicht in ein anderes Selbst machte. Er erkannte, dass Menschen ihr Wissen vom Selbst durchaus mitteilen, es jedoch selbst nicht hören. Das Subjekt auf Selbstsuche braucht einen anderen, der zuhört und das Gehörte hier und da übersetzt und hilft, es neu zu verknüpfen.