
Kürzlich stand ich in Claude Monets Garten in Giverny. Die berühmten Seerosenteiche, die Brücken, die scheinbar endlosen Variationen des Lichts auf Blättern und Wasser – sie wirken vertraut durch die unzähligen Gemälde, und doch ist die unmittelbare Erfahrung etwas anderes: ein Schweben zwischen Realität und Eindruck, zwischen Außenwelt und innerer Resonanz.
DER IMPRESSIONISMUS UND DIE FRAGE NACH DER REALITÄT
Der Impressionismus, wie ihn Monet seit den 1870er Jahren entwickelte, markiert einen tiefen Einschnitt in der Kunstgeschichte. Malerei war bis dahin vor allem auf Abbildung ausgerichtet – auf die getreue Darstellung der sichtbaren Welt. Mit der Erfindung der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts (Daguerre, 1839) stellte sich jedoch eine neue Situation ein: Die Maschine übernahm die Aufgabe, das Sichtbare mit Präzision festzuhalten. Für die Malerei stellte sich die Frage: Was bleibt ihre Aufgabe?
Monet und seine Weggefährten gaben eine radikale Antwort. Malerei sollte nicht länger Realität darstellen, sondern den Eindruck, den Realität im Subjekt hinterlässt. Der Titel von Monets berühmtem Bild Impression, soleil levant (1872) wurde zum programmatischen Namen einer Bewegung, die das Flüchtige, das Momentane, das Atmosphärische ins Zentrum rückte (vgl. Herbert, Robert L.: Impressionism: Art, Leisure, and Parisian Society, New Haven 1988, S. 3–18).
IMPRESSIONISMUS ALS KUNST DES VORBEWUSSTEN
Psychoanalytisch betrachtet liegt in dieser Wendung eine Bewegung, die an Freuds Entdeckung des Unbewussten erinnert. Auch Freud stellte die Frage, was jenseits des unmittelbar Sicht- oder Sagbaren liegt. Während Monet das Sehen auf den Augenblick reduziert, auf den noch ungestalteten Eindruck, richtet Freud die Aufmerksamkeit auf das nicht kontrollierte Sprechen – die freie Assoziation –, in der verdrängte Gedankenverbindungen hervortreten (Studien über Hysterie, GW I, S. 254).
Beide, der Maler und der Analytiker, wenden sich dem Prozesshaften zu: dem Fließenden, Flüchtigen, dem, was sich nicht in feste Formen bannen lässt. So wie die Fotografie die Aufgabe der „objektiven“ Repräsentation übernommen hatte, entdeckte die Malerei ihre Kraft darin, das Subjektive sichtbar zu machen. Man könnte sagen: Der Impressionismus ist eine Malerei des Vorbewussten – er zeigt nicht, wie die Welt „ist“, sondern wie sie im Moment des Erlebens erscheint, bevor sie durch Logik oder Erzählung stabilisiert wird (vgl. Crary, Jonathan: Techniques of the Observer. On Vision and Modernity in the Nineteenth Century, Cambridge, Mass. 1990, S. 137–151).
MONETS GARTEN ALS ERFAHRUNGSRAUM
Der Gang durch Monets Garten in Giverny macht genau dies erfahrbar. Das, was Monet malte, ist nicht einfach „da“; es ist im ständigen Wandel – abhängig vom Licht, der Bewegung des Blicks, von der Stimmung des Betrachters. Psychoanalytisch gesprochen: Das Wahrgenommene ist immer auch gefärbt durch Projektionen, Wünsche, unbewusste Bedeutungen.
Ernst Kris, einer der frühen psychoanalytischen Kunsttheoretiker, hat betont, dass Kunst nicht in erster Linie in ihrer Abbildungskraft zu verstehen sei, sondern in ihrer Funktion, psychische Prozesse zu verdichten und für das Bewusstsein erfahrbar zu machen (Kris, Ernst: Psychoanalytic Explorations in Art, New York 1952, S. 45–61). Der Impressionismus erfüllt genau diese Funktion: Er macht sichtbar, wie stark Wahrnehmung selbst bereits psychisch geformt ist.
KUNST, PSYCHOANALYSE UND DIE VERSCHIEBUNG DES BLICKS
Der Impressionismus ist damit nicht nur eine kunsthistorische Antwort auf die Fotografie, sondern zugleich ein künstlerisches Pendant zu Freuds Entdeckung: dass das Eigentliche oft nicht im Sichtbaren selbst liegt, sondern im Eindruck, den es im Inneren hinterlässt.
Die Kunst verschob ihre Aufmerksamkeit vom Abbild zur Wahrnehmung, die Psychoanalyse vom Bewusstsein zum Unbewussten. Beide Bewegungen machten sichtbar, dass die „Realität“ nie rein gegeben ist, sondern immer vermittelt – durch Licht, Affekte, Assoziationen und innere Prozesse.
Quellen:
Freud, Sigmund: Studien über Hysterie (1895), Gesammelte Werke, Bd. I. Frankfurt a. M.: Fischer 1991.
Freud, Sigmund: Entwurf einer Psychologie (1895), in: Gesammelte Werke, Nachtragsband. Frankfurt a. M.: Fischer 1991.
Herbert, Robert L.: Impressionism: Art, Leisure, and Parisian Society. New Haven: Yale University Press 1988.
Crary, Jonathan: Techniques of the Observer. On Vision and Modernity in the Nineteenth Century. Cambridge, Mass.: MIT Press 1990.
Kris, Ernst: Psychoanalytic Explorations in Art. New York: International Universities Press 1952.